Ausprägung von Risiken aufgrund von Versicherungsverträgen und Finanzinstrumenten

Management versicherungstechnischer Risiken in der Schaden/Unfallversicherung

In der Schadenversicherung (Erst- und Rückversicherung) ergeben sich die Versicherungsrisiken in erster Linie aus dem Prämien-/Schadenrisiko und aus dem Reserverisiko.

Das Versicherungsgeschäft beruht darauf, in der Erstversicherung den Versicherungsnehmern und in der Rückversicherung den Zedenten ihre individuellen Risiken abzunehmen und im Kollektiv und über die Zeit auszugleichen. Für den Versicherer besteht das grundsätzliche Risiko darin, aus im Voraus kalkulierten, nicht veränderbaren Prämien Versicherungsleistungen zu erbringen, deren Höhe und Fälligkeit ungewiss sind. Das Reservierungsrisiko entsteht aus einer möglicherweise unzureichenden Bildung von bilanziellen Schadenreserven und einer sich somit ergebenden Belastung des versicherungstechnischen Ergebnisses.

Dem übernommenen Prämien-/Schadenrisiko begegnen wir unter anderem durch einen angemessenen Rückversicherungsschutz. Der volumenmäßige Umfang des Rückversicherungsschutzes im Verhältnis zu den gebuchten Bruttoprämien lässt sich anhand der Selbstbehaltsquote beziffern, die im Folgenden nach Segmenten dargestellt ist und zeigt, welcher Anteil der gezeichneten Risiken in unserem Risiko verbleibt:

Selbstbehaltsquote nach Segmenten

2010

2009

%

   

Industrieversicherung

46,1

43,7

Privat- und Firmenversicherung Deutschland

91,6

85,6

Privat- und Firmenversicherung International

92,4

86,9

Schaden-Rückversicherung

88,9

94,1

Gesamt Schaden/Unfallversicherung

78,9

78,7

Die Selbstbehaltsquote auf Konzernebene für die Schaden/Unfallversicherung bleibt mit 78,9 % nach 78,7 % auf dem Vorjahresniveau. Auf Ebene der einzelnen Segmente ergeben sich jedoch teilweise deutliche Veränderungen. Insbesondere führte die aufgrund aufsichtsrechtlicher Forderungen vorzunehmende Aufhebung eines Quotenrückversicherungsvertrags in den Kraftfahrtsparten bei der türkischen HDI Sigorta zum Anstieg des Selbstbehalts im Segment Privat- und Firmenversicherung International. Der Anstieg des Selbstbehalts im Segment Privat- und Firmenversicherung Deutschland ist vor allem auf den Rückgang der gebuchten Bruttobeiträge zurückzuführen. Für den von 94,1 % auf 88,9 % reduzierten Selbstbehalt in der Schaden-Rückversicherung ist im Wesentlichen das um 10,3 % gestiegene Bruttoprämienvolumen ursächlich.

Die Schadenquote für eigene Rechnung entwickelte sich in den Segmenten nach Konzernrestrukturierung im Vergleichszeitraum wie folgt:

Schadenquote nach Segmenten

2010

2009

%

   

Industrieversicherung

82,0

68,6

Privat- und Firmenversicherung Deutschland

69,4

62,5

Privat- und Firmenversicherung International

75,6

71,6

Schaden-Rückversicherung

72,0

72,8

Gesamt Schaden/Unfallversicherung

73,6

70,5

Die moderate Höhe der Schadenquoten in den vergangenen Jahren ist Ausdruck unserer vorsichtigen Zeichnungspolitik und der Erfolge im aktiven Schadenmanagement. Auf Ebene des Talanx-Konzerns stieg die Schadenquote im Berichtsjahr für die Schaden/Unfallversicherer um insgesamt 3,1 Prozentpunkte. Der deutliche Anstieg der Schadenquote im Segment Industrieversicherung ist auf gestiegene Schadenbelastungen insbesondere bei Großschadenereignissen zurückzuführen. Im Vorjahr war die Schadenquote durch eine insgesamt günstige Schadenentwicklung geprägt. Der Anstieg im Segment Privat- und Firmenversicherung Deutschland ist auf das Kraftfahrtversicherungsgeschäft im Berichtsjahr sowie auf den günstigen Schadenverlauf im Jahr 2009 zurückzuführen. Im Segment Privat- und Firmenversicherung International führten Überschwemmungs- und Frostschäden in Polen sowie Erdbeben in Chile zu einem deutlichen Anstieg der Schadenquote. Im Segment Schaden-Rückversicherung blieb die Schadenquote trotz der Belastung mit Großschadenereignissen (Anstieg der Großschadenquote von 4,6 % im Vorjahr auf 12,3 % im Geschäftsjahr) bedingt durch eine günstige Schadenabwicklung von Vorjahresschäden sowie eine günstige Entwicklung der Frequenzschäden leicht unter dem Vorjahreswert.

Um die jederzeitige Erfüllbarkeit der gegebenen Leistungsversprechen gewährleisten zu können, werden entsprechende Rückstellungen gebildet, die fortlaufend hinsichtlich ihrer Angemessenheit mittels aktuarieller Methoden analysiert werden. Hieraus ergeben sich auch Rückschlüsse auf die Qualität der gezeichneten Risiken, ihre Verteilung über einzelne Zweige mit unterschiedlicher Risikoexponierung sowie auf die künftig zu erwartenden Schadenzahlungen. Darüber hinaus unterliegen unsere Bestände einem aktiven Schadenmanagement. Analysen hinsichtlich der Verteilung von Schadenhöhen und Schadenhäufigkeiten lassen dabei eine gezielte Steuerung der Risiken zu.

Die im Rückversicherungsbereich auf Basis aktuarieller Methoden ermittelten Schadenreserven werden ggf. um Zusatzreserven auf der Grundlage eigener aktuarieller Schadeneinschätzungen und um die so genannte Spätschadenreserve für Schäden, die bereits eingetreten, aber noch nicht bekannt geworden sind, ergänzt. Insbesondere für Haftpflichtschäden werden aufgrund der langen Abwicklungsdauer Spätschadenreserven gestellt, die nach Risikoklassen und Regionen differenziert errechnet werden.

Die hinreichende Bemessung der Schadenreserven für asbestbedingte Schäden und Umweltschäden ist sehr komplex, da zwischen Schadenverursachung und Schadenmeldung zum Teil Jahre oder sogar Jahrzehnte liegen können. Die Exponierung des Konzerns im Hinblick auf asbestbedingte Schäden und Umweltschäden ist jedoch relativ gering. Die Angemessenheit dieser Reserven wird üblicherweise mittels der „Survival Ratio“ abgeschätzt. Diese Kennzahl drückt aus, wie viele Jahre die Reserven ausreichen, wenn die durchschnittliche Höhe der Schadenzahlungen der vergangenen drei Jahre fortdauern würde. Am Ende des Berichtsjahres lag unsere Survival Ratio im Segment Schaden-Rückversicherung bei 22,8 (24,3); die Rückstellungen für asbestbedingte Schäden und Umweltschäden betrugen 212 (198) Mio. EUR.

Zur Einschätzung der für das Segment Schaden-Rückversicherung wesentlichen Katastrophenrisiken aus Naturgefahren (Erdbeben, Stürme) kommen lizenzierte wissenschaftliche Simulationsmodelle zum Einsatz, die durch die Expertise der entsprechenden Fachbereiche ergänzt werden. Zur Risikoermittlung des Portefeuilles werden ferner verschiedene Szenarien (z. B. USA/Hurrikan, Europa/Sturm, USA/Erdbeben) in Form von Wahrscheinlichkeitsverteilungen ermittelt. Die Überwachung der Naturgefahrenexponierung des Portefeuilles (Kumulkontrolle) wird durch die sukzessive Einführung von realistischen Extremschadenszenarien vervollständigt.

Wir analysieren Extremszenarien bzw. Kumule, die zu hohen Schäden führen können. Für den Konzern ergeben sich auf der Grundlage der aktuellen bzw. zuletzt ermittelten Werte folgende potenzielle Netto-Schadenbelastungen:

Kumulszenarien 1)

2010

2009

Mio. EUR

   

250-Jahres-Schaden USA-Sturm

709

763

250-Jahres-Schaden USA-Erdbeben Kalifornien

531

504

250-Jahres-Schaden Europa-Sturm

530

581

250-Jahres-Schaden Tokio-Erdbeben

460

426

250-Jahres-Schaden Japan-Sturm

386

369

250-Jahres-Schaden Sydney-Erdbeben

183

325


1) Die tatsächlichen Entwicklungen von Naturgefahren können von den Modellannahmen abweichen

Durch sorgfältig und individuell gewählten Rückversicherungsschutz werden zudem die Spitzenbelastungen aus Kumulrisiken abgesichert. So gelingt es uns, hohe Einzelschäden sowie die Auswirkungen von Kumulereignissen wirksam zu begrenzen und damit planbar zu machen.

Ein weiteres Instrument zur Überprüfung unserer Annahmen im Konzern sind die Schadenabwicklungsdreiecke. Sie zeigen, wie sich die Rückstellung im Zeitverlauf durch die geleisteten Zahlungen und die Neuberechnung der zu bildenden Rückstellung zum jeweiligen Bilanzstichtag verändert. Die Angemessenheit wird aktuariell überwacht (siehe hierzu auch unsere Erläuterungen zur Bilanzposition 20 „Rückstellung für noch nicht abgewickelte Versicherungsfälle“.).

In der Schaden/Unfallversicherung erfolgt die Überwachung und Steuerung des Reservierungsrisikos grundsätzlich durch eine Analyse der Schadenreserven anhand von aktuariellen Methoden. Bei der Rentendeckungsrückstellung als Teil der Rückstellung für noch nicht abgewickelte Versicherungsfälle beobachten wir auch die Zinsentwicklung. Das Eintreten einer Zinssenkung würde dabei zu einer Ergebnisbelastung durch eine Rückstellungsbildung führen. Bei der Ermittlung der Rentendeckungsrückstellung werden die aktuellen Rententafeln als Rechnungsgrundlage verwendet.

Ein Anstieg der Nettoschadenquote im Bereich der Schaden/Unfallerst- und -rückversicherung um 5 Prozentpunkte würde das Jahresergebnis nach Steuern um 321 (298) Mio. EUR mindern.